Land of the Free – Die Sache mit der Meinungsfreiheit

Als Kind der 80er bin ich wie viele andere meiner Generation aufgewachsen mit dem Bild im Kopf, dass die USA wirklich das coolste Land schlechthin sind. Was sollte man auch anderes denken? Colt Sievers und Charlies Engel regelten die Gesetzeslage, ein singender Sportwagenfahrer samt sprechendem Auto wirkte in Leder weit aus lässiger als unsere Gesetzeshüter in nicht schmeichelndem Grün, und überhaupt hieß es ja an jeder Ecke: „Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten“!

Erste Risse bekam mein verklärtes Bild dann während meiner Schulzeit in den USA Anfang der 90er. Hätte es mich damals nach New York oder L.A. verschlagen, hätte dieser Prozess wohl noch einige Jahre länger gedauert (denn weder NY noch L.A. haben mit den wahren USA auch nur das Geringste gemein) – aber wie der Zufall es so wollte ging es ab nach Wichita Kansas – rein in den tiefsten Mittleren Westen. Das 50% aller männlichen Mitschüler Cowboyhüte trugen fiel nur am Rande auf, und auch die Metalldetektoren in der Schule brachten nur kurzes Erstaunen hervor (logo, von Gangs hatte man schließlich doch schon gehört). Aber allein die Tatsache, dass mein Gastbruder von Morgens bis Abends in Tarnkleidung herumlief und Waffen sammelte stimmte mich schon recht skeptisch. Und er war nicht der Einzige. Auch die latent „rechte“ Grundstimmung, die einzigartige Verbohrtheit wenn das Thema auf Politik kam und die offen zur Schau getragene Prüderie waren so gar nicht was ich erwartet hatte. (für das Austeilen von Kondomen vor der Schule als unterstützende Aktion für eine Kampagne gegen Teenagerschwangerschaften bekam ich einen Schulverweis wegen „Aufstachelung zu vorehelichem Sex“). Den „Höhepunkt“ erreichten wir dann mit Ausbruch des 1. Irak Krieges. Gelbe Schleifen zur Symbolisierung unseres Patriotismus schmückten nicht nur sämtliche Vorgärten, sondern auch unsere stolze Schülerbrust – „Support the Troops“ war das Motto, und irgendwie schien es keinen weiter zu stören, dass reihenweise 16 und 17jährige Mitschüler die High School abbrachen um ihr Land zu unterstützen. Man war stolz, es wurde nicht hinterfragt und konsumiert (und vor allem geglaubt) was einem im täglichen News-Programm vorgesetzt wurde.

Etwas mehr als 10 Jahre später steht der Ausbruch des 2. Irak Krieges kurz vor der Tür. In Europa gehen die Menschen auf die Straßen um gegen den Wahnsinn zu protestieren während Amerika in der Mehrheit die Fahne für G.W.Bush schwingt. Der 11. September ist noch nicht lange her, und irgendwer muss jetzt schließlich mal büßen. Mitten in dieser doch sehr aufwühlenden Grundstimmung macht sich eine der zu diesem Zeitpunkt „Best Selling Band Ever“ der USA auf, ihre Welttournee zu starten. Die Dixie Chicks, zu diesem Zeitpunkt unumstrittene Stars nicht nur der Country Szene der USA, mit Millionen verkauften CD´s und unzähligen Nr.1 Hits, spielen in London das erste Konzert ihrer „Top of the World“-Tour. Demonstrationen hatten die englische Hauptstadt den ganzen Tag über in Atem gehalten und G.W. Bush verkündet im TV, am nächsten Tag in den Irak einzufallen um sich auf die Suche nach Massenvernichtungswaffen zu machen. Mitten in dieser aufgeheizten Stimmung fällt ein Satz, der das Leben der 3 Dixie Chicks für immer verändern wird: „Wir freuen uns heute bei euch zu sein, und wollen euch nur wissen lassen, dass wir auf eurer Seite stehen. An Tagen wie heute schämen wir uns regelrecht, dass der Präsident der USA auch aus Texas stammt“.

Das Publikum jubelt, die Medien greifen das Zitat dankbar auf, und nur 3 Tage später beginnt eine Hetzjagd unsagbaren Ausmaßes. Jede News-Sendung Amerikas berichtet über „die Volks-Verräterinnen“ und „Dixie Schlampen“. Sämtliche Radiosender verbannen die Dixie Chicks aus ihrem Programm und rasch gegründete Organisationen stellen eigens Mülltonnen auf damit empörte Fans ihre Dixie Chicks CD´s verbrennen können – es beginnt eine jahrelange Hetzjagd die ihres gleichen sucht und die in extremste Morddrohungen gegen die drei „Saddams Engel“.“ gipfelt.

Ein Kamerateam hat diese Jahre in Wort und Bild festgehalten und herausgekommen ist eine Dokumentation, bei der man fassungslos auf die Leinwand starrt und vor Scham im Boden versinken möchte vor so viel Verbohrtheit, Dummheit und Naivität. Und man bekommt es fast mit der Angst zu tun angesichts der Tatsache, dass Millionen von Menschen anscheinend nie gelernt haben zu differenzieren und zu reflektieren. Dass Millionen Menschen nicht in der Lage sind, eine eigene Meinung zu haben und lieber einer Massenhysterie nacheifern weil es ja schon immer einfacher war mit dem Strom zu schwimmen.

Der Film „Shut up and sing“ läuft derzeit in ausgewählten Kinos und ich kann ihn nur jedem ans Herz legen. Ein Film nicht nur über Wahn und Hysterie, sondern auch über Zusammenhalt, Freundschaft, Loyalität und den starken Willen Integrität zu beweisen – und sie werden manches mal fassungslos sein und nicht glauben WAS sie da sehen.

Heute ist die Stimmung eine etwas andere – Massenvernichtungswaffen hat man nicht gefunden, G.W. ist nicht mehr der uneingeschränkte Held der Nation. Trotz allem wird „Dear Mr. President“ von Pink in vielen US Radios nicht gespielt (auch wenn Pink dafür nicht zum Schafott geführt wurde wie die 3 Mädels vor ihr) und die Truppen kämpfen weiter. Die letzte Postkarte von meinem damaligen Gastbruder bekam ich vor ein paar Jahren aus Okinawa – seit er als Marine im Irak stationiert ist habe ich nicht mehr von ihm gehört.

 

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